Am Mittwoch, dem 09. November 2011, veranstaltete die BaKuK einen Parlamentarischen Abend mit Mitgliedern des Bundestages und weiteren Gästen zum Thema "Kranke Kinder nicht im Abseits!" Weitere Informationen dazu finden Sie in Kürze auf unserer Website.
Die 5. anonyme Befragung der BaKuK gibt einen umfassenden Überblick über die Situation der stationären Pädiatrie und Kinderchirurgie... weiter
Veranstalter: Bundesarbeitsgemeinschaft Kind und Krankenhaus (BaKuK e.V.), Gesellschaft der Kinderkrankenhäuser und Kinderabteilungen in Deutschland (GKinD e.V.) und Berufsverband Kinderkrankenpflege Deutschland (BeKD e.V.)
Am 25. Juni 2003 sprachen Vertreter der Bakuk e.V., der GKinD e.V. und des BeKD e.V. mit Parlamentariern des Deutschen Bundestages. Dabei ging es um die Auswirkungen der neuen Krankenhausfinanzierung über DRG (Diagnosis Related Groups) auf Kinderkrankenhäuser und -abteilungen.
Markus ist sechs Jahre alt und bei ihm steht – wieder einmal – eine komplizierte Herzoperation an. Damit verbunden sind spezielle ärztliche und pflegerische Aufwendungen, die unumgänglich sind, wenn Markus nachhaltig gesunden soll. Doch die geplante Einführung des Fallpauschalensystems kennt nur noch eine Zahl und die ist für jede Herzoperation gleich, egal wie alt der Patient auch sein mag. Geht bei Großkliniken diese Mischkalkulation, insbesondere im Erwachsenenbereich, vielleicht noch auf, so werden geradeKinderkrankenhäuser vom Untergang bedroht sein.
Das jedenfalls sieht Prof. Dr. Werner Andler, Vorsitzender der Bundesarbeitsgemeinschaft Kind und Krankenhaus e. V. (BaKuK), glasklar vor sich: "Das derzeitige Fallpauschalensystem vernachlässigt kranke Kinder und Jugendliche in einem Ausmaß, das die stationäre Kinderheilkunde in den Ruin treiben muss." Dabei scheinen die Auswirkungen des Fallpauschalensystems vielen Beteiligten im Gesundheitswesen noch immer nicht transparent zu sein.
Ziel des Fallpauschalensystems – besser bekannt unter dem Kürzel DRG (Diagnoses related groups) – ist es, die im internationalen Vergleich lange Verweildauer in den Krankenhäusern nachhaltig zu verkürzen. Die DRG-Systematik ist aufgrund einer Vereinbarung der Selbst-verwaltung im Gesundheitswesen auf der australischen Basis beschlossen worden. Ab 2004 sind die Abrechnungsverfahren verpflichtend auf dieser Grundlage durchzuführen. Doch dabei blieben die speziellen Bedürfnisse der Kinder unberücksichtigt. Da sind sich alle Fachleute einig. Für Werner Andler ist "gerade noch Zeit, folgenschwere Irrtümer zu verhindern". Daher sollte gehandelt werden.
Ein Parlamentarischer Abend in Berlin zum Thema "Kranke Kinder im Abseits" sollte Licht ins Dunkel bringen. Dazu luden neben der BaKuK auch die Gesellschaft der Kinderkrankenhäuser und Kinderabteilungen in Deutschland e. V. (GKinD) sowie der Berufsverband Kinderkrankenpflege Deutschland e. V. (BeKD) Ende Juni 2003 ein.
Und viele, die Rang und Namen in der Gesundheits- und Kinder- und Familienpolitik haben, folgten dieser Einladung. Darunter waren u. a. der Staatssekretär im Bundesministerium für Gesundheit und Soziale Sicherung, Dr. Klaus Theo Schröder, der stv. Vorsitzende des Ausschusses für Gesundheit und Soziale Sicherung im Bundestag, Wolfgang Zöller (CDU/CSU), die gesundheitspolitische Sprecherin der SPD-Fraktion, Helga Kühn-Mengel, die pflegepolitische Sprecherin der Bundestagsfraktion Bündnis 90/Die Grünen, Petra Selg sowie drei von vier Mitgliedern der Kinderkommission des Bundestages, darunter auch deren Vorsitzende Marlene Rupprecht (SPD).
Die Abgeordneten wurden dann auch mit der Realität konfrontiert, wie sie sich den Kinderkrankenhäusern zur Zeit darstellt: "Wir wenden uns heute in großer Not an Sie", sagte Andreas Wachtel, stv. Vorsitzender der GKinD, als er mit einem einleitenden Statement die Diskussion über die zukünftige Finanzierung der Kinderkrankenhäuser begann. "Die zur Zeit gültige DRG-Systematik wird die stationäre Kinder- und Jugendmedizin in das finanzielle Abseits drängen" führte Andreas Wachtel weiter aus. Wilfried Lübbers, Verwaltungsdirektor im Kinderhospital Osnabrück, fügte hinzu: "Wir stehen mit dem Rücken an der Wand. Ein finanzieller Ausgleich muss kommen." Prof. Dr. Hans-Jürgen Nentwich, Vizepräsident des Berufsverbandes der Ärzte für Kinder- u. Jugendmedizin, plädierte füreine Lösung "nur für die Pädiatrie".
"Kinderzuschlag" für die Kinderkrankenhäuser?Diese Idee griff Wolfgang Zöller (CDU/CSU) auf und schlug die Einführung eines "Kinderzuschlages" nur für Kinderkrankenhäuser vor. Staatssekretär Schröder erkennt hingegen die akute Existenznot noch nicht. Er will an den Fallpauschalen – auch im Kinderbereich – festhalten. Er verspricht sich davon eine stärkere Kostentransparenz. "Ich erwarte", so der Staatssekretär, "dass die Partner der Selbstverwaltung adäquate Lösungen für die Einführung der DRGs in diesem Bereich finden." Hier wären die Verhandlungen schließlich noch nicht abgeschlossen. Alle blieben aufgefordert, die Erkenntnisse zu nutzen.
Dies ließ sich Andreas Wachtel nicht zweimal sagen und stellte die "favorisierte Lösung" der GKinD zur zukünftigen Finanzierung der Kinderkrankenhäuser vor. Das Stichwort lautet "Alterssplits". Wachtel dazu: "Die Einführung von Alterssplits für Kinder und Jugendliche im deutschen DRG-System würde es ermöglichen, das komplexe Aufgabenfeld und den höheren personellen Aufwand in den Kinder- und Jugendkliniken abzubilden. Wir haben eine genial einfache und ohne großen Aufwand programmierbare Modifikation des DRG-Kataloges vorgenommen und mit konkreten Vorschlägen untermauert. Es wird im derzeit geltenden Katalog lediglich eine zusätzliche Spalte zur Kennzeichnung des Alterssplits eingeführt."
Folgt man den Ausführungen des GKinD-Repräsentanten, so würde die geänderte Konzeption den bestehenden Katalog nicht beeinflussen, aber die Voraussetzung schaffen, sämtliche grundsätzlich altersabhängigen Besonderheiten zu berücksichtigen, wenn das aus Kostengründen notwendig sein sollte. Dies ermögliche – nicht nur für die Versorgung von Kindern – einen gangbaren Weg aus dem deutlich absehbaren finanziellen Desaster, ohne dabei das System zu überlasten. "In Anlehnung an die Pflegepersonalregelung werden vier Altersstufen festgelegt: unter 28 Tage, 28 Tage bis unter 1 Jahr, 1 Jahr bis unter 6 Jahre sowie 6 Jahre bis 18 Jahre", beschreibt Wachtel den Vorschlag. Für alle Altersstufen würden die entstehenden Pflege-, Diagnostik- und Behandlungskosten mit der bundesdeutschen Referenzgruppe verglichen und bei Bedarf ein Alterssplit gebildet, der dann eine Vergütung auslösen könne.
Es gebe heute weltweit kein Fallpauschalensystem, das die Besonderheiten der stationären Versorgung von Kindern und Jugendlichen systematisch abbilden würde. Mit der Einführung des Alterssplits würden sich das deutsche DRG-System an die Spitze der weltweit eingesetzten DRG-Systeme setzen und damit die Voraussetzung zu einer gerechten Finanzierung der stationären Kinder- und Jugendmedizin bilden.
"Wenn dieser Vorschlag, um eine dauerhafte und gerechte Finanzierung zu schaffen, abgelehnt wird, müssen alternative Wege eingeschlagen werden", führte Wachtel weiter aus. Für die GKinD wäre eine einheitlich festgelegte Baserate von deutlich über den allgemein angenommenen 2.500 Euro (mindestens 3.100 Euro) eine weitere systemkonforme Möglichkeit. Es bliebe unter dem Eindruck des bisher Gesagten auch zu überlegen, die beabsichtigte Änderung des Krankenhausfinanzierungsgesetzes zu fordern. Diese Änderung beinhalte, dass besondere Einrichtungen (in der Begründung werde ausdrücklich auch die Pädiatrie genannt) zeitlich befristet aus dem Vergütungssystem ausgenommen werden können. "Dies kann aber nur die allerletzte, verzweifelte Möglichkeit sein", meint Wachtel.

Klaus Theo Schröder begrüßt ausdrücklich die Bereitschaft, "sich im System zu bewegen." Er regte an, mit diesen Vorschlägen in die Selbstverwaltung zu gehen. Schröder sah eine „Chance, rechtzeitig nachzusteuern" und systemimmanent zu einer Lösung zu gelangen: "Baserate oder Alterssplit sollte man gehen", ermunterte Schröder die anwesenden Verbandsvertreter. Petra Selg verwies auf das Fallpauschalenänderungsgesetz, das auf den Weg gebracht worden sei. "Wir arbeiten – unter anderem auf der Grundlage der von GKinD erarbeiteten Vorschläge – an einer entsprechenden Anpassung des DRG-Systems und ich bin zuversichtlich, dass wir zu einer zufrieden stellenden Lösung kommen werden." Schröder schließt seinen Diskussionsbeitrag mit der Erkenntniss: "Lernen und Schlauer werden tut nicht weh, deshalb bin ich gern bereit schlauer zu werden, zu lernen."
Werner Andler atmet auf. Auch wenn seine Sorgen um die Zukunft der Finanzierung der Kinderkrankenhäuser nicht vom Tisch gefegt wurden, so sieht er doch, dass es letzte Auswege aus der Situation gibt. Er nimmt sich vor, die politisch Verantwortlichen beim Wort zu nehmen und möglichst bald in Berlin wieder nachzuhören, was aus der "völlig unstrittigen" Erkenntnis bei der Reform des Gesundheitswesen geworden ist, "dass für die Pflege kranker Kinder besondere Kenntnisse und Fähigkeiten notwendig" und daher zu vergüten seien.