Am Mittwoch, dem 09. November 2011, veranstaltete die BaKuK einen Parlamentarischen Abend mit Mitgliedern des Bundestages und weiteren Gästen zum Thema "Kranke Kinder nicht im Abseits!" Weitere Informationen dazu finden Sie in Kürze auf unserer Website.
Die 5. anonyme Befragung der BaKuK gibt einen umfassenden Überblick über die Situation der stationären Pädiatrie und Kinderchirurgie... weiter
Zu viele Kinder werden in Erwachsenenkliniken behandelt – Sanktionen gefordert
Petra ist neun Jahre alt. Sie leidet von Geburt an unter einer Speiseröhrenmissbildung, die regelmäßige stationäre Krankenhausaufenthalte mit sich bringt. Petra kennt ihre Kinderklinik schon, denn sie gehört zu den Stammgästen. Wenn Mama oder Papa sie begleiten – und das ist hier kein Problem – dann weiß sie die unangenehmen Speiseröhrenweitungen auch zu ertragen. Zumal alle nett sind, die Zimmer schön gestaltet wurden und viele weitere Kinder als Spielkameraden dienen. Als sie neulich einmal im Urlaub einen "Steckenbleiber" in der Speiseröhre hatte, und sie kurzfristig in ein Erwachsenenhospital musste, da spürte sie den Unterschied zu "ihrer" Kinderklinik unangenehm stark. Ihre Eltern vermissten insbesondere das kinderärztliche und -pflegerische Wissen.
Doch was für Petra die urlaubsbedingte Ausnahme war, wird für Prof. Dr. Werner Andler, Vorstandsvorsitzender der Bundesarbeitsgemeinschaft Kind und Krankenhaus e. V. (BaKuK) immer mehr zur Normalität: "Unsere Patienten liegen in den Erwachsenenkliniken. Das ist kein Witz." Die Folge werde sein, dass die Kinderkrankenhäuser in ihrer Existenz bedroht sein werden. Verstärkt werde diese Tendenz durch die demografische Entwicklung sowie die verbindliche Einführung des Fallpauschalensystems zum 1. Januar 2004. Mahnend, nahezu beschwörend, redet Andler den Bundestagsabgeordneten ins Gewissen, die anlässlich eines Parlamentarischen Abends zum Thema "Kranke Kinder im Abseits?" zahlreich in die Parlamentarische Gesellschaft hinter dem Berliner Reichstagsgebäude auf Einladung der BaKuK, aber auch der Gesellschaft der Kinderkrankenhäuser und Kinderabteilungen in Deutschland e. V. (GKinD) sowie des Berufsverbandes Kinderkrankenpflege Deutschland e. V. (BeKD) gekommen waren.
Dabei war man in der Erkenntnis längst weiter. Denn schon 1997 beschlossen die Gesundheitsminister der 16 Bundesländer, dass Kinder grundsätzlich in Kinderkrankenhäusern behandelt werden sollten. Doch nichts habe sich geändert – im Gegenteil. Für Meinrad Müller, den 1. Vorsitzenden des Aktionskomitees Kind im Krankenhaus e. V. (AKiK), ist das nicht hinnehmbar. Denn: "Kinder haben nun einmal besondere Bedürfnisse." Und denen müsse man, wolle man ihnen gerecht werden, Rechnung tragen. Dabei komme dem Eltern-Kind-Kontakt eine zentrale Bedeutung bei, den es deshalb von Geburt an zu sichern gelte. Der A-KiK-Bundesverband setze sich daher nachhaltig für die Rechte von Kindern im Krankenhaus ein, so wie sie in der "Charta für Kinder im Krankenhaus" beschrieben worden seien.
"Kindermedizin ist anders." Diesem Grundsatz pflichten alle anwesenden Mediziner und Repräsentanten der einschlägigen Berufsverbände bei. Dem müsse man als Gesetzgeber auch Rechnung tragen. So fordert Prof. Dr. Hans-Jürgen Nentwich, Vizepräsident des Berufsverbandes der Ärzte für Kinder- und Jugendmedizin, dringend, da drängend, eine "Lösung nur für die Pädiatrie". Und Prof. Dr. Harald Bode, Präsident der Deutschen Gesellschaft für Sozialpädiatrie und Jugendmedizin, sorgt sich um den Gesundheitsdienst in den Ländern, der seiner Beobachtung nach "drastisch zurückgefahren" werde. Auch das bliebe nicht ohne Auswirkungen auf die Gesundheit der Jugendgeneration. Wer werde sich darum kümmern, wenn nicht die Kinder- und Jugendärzte?
Das war das Stichwort für Prof. Dr. Volker Hesse, Vorsitzender der Vereinigung Leitender Kinderärzte und Kinderchirurgen Deutschlands. Für ihn ist der Berufsstand der Kinder- und Jugendärzte nachhaltig gefährdet. So werde zum einen die Reduktion der Zahl der Kinderkliniken und der verminderten Kapazitäten der verbleibenden Kinderkliniken dafür sorgen, dass sich die Ausbildungssituation deutlich verschlechtern werde. Und um konkurrenzfähig zu bleiben, würden spezialisierte Fachärzte eingestellt und in diesem Zusammenhang ebenfalls bisherige Facharztausbildungsplätze zu Feststellen umgewandelt.
Dies, so Hesse, würde zu einer weiteren Reduktion der Ausbildungsmöglichkeiten führen. Die Zukunft einer kindgerechten medizinischen und pflegerischen Behandlung stünde damit auf dem Prüfstand. Bei so viel geballter Kompetenz und Basiserfahrung wissen die Gesundheitspolitiker aus allen Bundestagsfraktionen wenig zu sagen. Sie sind für einen Moment sprachlos, denn diese Zusammenhänge schien ihnen noch keiner eröffnet zu haben. Dennoch bleibt für Petra Selg, pflegepolitische Sprecherin der grünen Bundestagsfraktion, der unerschütterliche Grundsatz bestehen: "Kinder und Jugendliche sind keine kleinen Erwachsenen." Und sie fügt hinzu: "Ich bin selbst Mutter von drei Kindern und weiß das daher sehr gut." Deshalb bedürfen sie der besonderen Betreuung in einem pflegerischen und medizinischen Umfeld, das vor allem eines versuche: die Angst vor dem Krankenhaus zu nehmen. Mit anderen Worten: Wir brauchen auch zukünftig Kinderkrankenhäuser.
Ihr Plädoyer für die Kinderkrankenhäuser untermauert sie mit weiteren Argumenten. Ganz wichtig für Petra Selg ist die "Möglichkeit des sozialen Kontakts zu gleichaltrigen LeidensgenossInnen", der für die Bundestagsabgeordnete nur in einem Kinderkrankenhaus gewährleistet werde. Zudem könne ein kindgerechtes Unterhaltungsangebot helfen, Schmerzen und Angst zu vergessen. Selg ist sich zudem sicher, dass alle Anwesenden ein gemeinsames Ziel hätten, "dass nämlich bei den laufenden Reformen im Gesundheitswesen in jedem Fall die Interessen unserer Kinder und Jugendlichen berücksichtigt werden".
Ob das aber gelingen wird, daran hat zumindest Werner Andler seine Zweifel. Denn die Realität sei halt anders, als es die wohl klingenden Worte der Bundestagsabgeordneten glauben machen könnten. "Die Situation bedrückt uns", sagt der Vorstandsvorsitzende und Ärztliche Direktor der Vestischen Kinder- und Jugendklinik Datteln. "Denn die kranken Kinder und Jugendlichen sind nicht alle in für sie geeignete Kliniken." Das sei Fakt. Daran komme man nicht vorbei. "Es ist ein Unding, dass Kinderkliniken um ihren Erhalt bangen, während ihre Patienten in Erwachsenenkliniken liegen", beschreibt Andler empört die Lage. Wenn man daher übereinstimmend der Meinung sei, dass "kranke Kinder grundsätzlich in die Kinderklinik gehören, weil sie dort die bestmögliche medizinische, pflegerische, pädagogische und psychosoziale Betreuung erhalten" würden, dann müsse man auch etwas dafür tun. Widerspruch meldet hier niemand an.
Das ermutigt den Professor an der Universität Witten/Herdecke zu einem Lösungsansatz. Andler will Sanktionen für die, die diesen Grundsatz mit Füßen treten: "Die Krankenkassen sollten nicht bezahlen, wenn Kinder in Erwachsenenkliniken liegen." Das sei eine Fehlbelegung, da sach- und fachfremd.
Wolfgang Zöller (CDU/CSU), stv. Vorsitzender des Ausschusses für Gesundheit und Soziale Sicherung im Bundestag, will das anders lösen: "Lassen Sie uns einen Anreiz geben, Kinder in Kinderkrankenhäusern zu behandeln." Zöller wirbt für einen Kinderzuschlag nur für Kinderkrankenhäuser in Ergänzung zu den Fallpauschalen, die zum 1. Januar 2004 bundesweit verbindlich eingeführt werden sollen.
Andler signalisiert Zustimmung. Doch verhehlt er nicht mögliche Konsequenzen, wenn diese Bemühungen scheiterten: "Das könnte das Ende der Kinderkrankenhäuser in Deutschland sein".
Marlene Rupprecht (SPD), die Vorsitzende der Kinderkommission des Bundestages, meldet sich abschließend auch noch zu Wort. Sie berichtet, dass die Kommission sich einen Schwerpunkt zum Thema "Kinder und Gesundheit" gesetzt habe. Deshalb sei sie auch gekommen, um darüber ins Gespräch zu gelangen, aber auch um zuzuhören. Sie bittet alle, trotz der genannten Schwierigkeiten, "mit viel Kraft und menschlicher Sturheit" weiter zu arbeiten. Dem will sich auch Andler nicht verweigern: "Wir sind von Grund auf optimistisch." Doch das "Aber" folgt sofort: "Kreative Lösungen sind gefragt, wir können nicht so weiter machen wie bisher und wie bisher geplant." Alle waren sich aber einig, im Dialog bleiben zu wollen. Andler wird sich daher häufiger in Berlin aufhalten müssen, um den geknüpften Gesprächsfaden nicht abreißen zu lassen.